Offener Brief an den Landespräventionsrat Niedersachsen

Keine Schließung der einzigen niedersächsischen Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt – RespAct muss weiter arbeiten!

RespAct ist die niedersächsische Beratungsstelle für die Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Getragen von dem 2016 eigens zu diesem Zweck gegründeten Verein Parteiliche Beratung e.V., ist RespAct dem Leitbild der Parteilichkeit für die Betroffenen im Sinn der Unabhängigkeit und des Empowerments verpflichtet. Parteilichkeit bedeutet respektvolles und solidarisches Handeln im Sinne der Betroffenen, sowie sie zur Handlung zu befähigen. Es bedeutet, die Ratsuchenden in ihren Anliegen, Perspektiven und der Durchsetzung ihrer Bedürfnisse zu unterstützen und sich solidarisch für die Rechte und Forderungen von Betroffenen einzusetzen. Ziel des Trägers ist es, die Unabhängigkeit des Beratungsprojekts von z.B. institutionellen, behördlichen, parteipolitischen, unternehmerischen Interessen zu gewährleisten, um die parteiliche, niedrigschwellige und professionelle Beratung von Betroffenen zu ermöglichen.

Die Mitarbeiter*innen von RespAct arbeiten seit 2017 in diesem Sinne. Ihre Betroffenenberatung deckt ein breites Spektrum von Information, Beratung und Begleitung ab und ist als flexibles, ineinandergreifendes Repertoire zu verstehen. Sie umfasst die psychosoziale Situation, die individuellen Problemlagen, Ressourcen und Bedürfnissen, die Einbindung in soziale und familiäre Netzwerke, Vorerfahrungen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Die Dauer des Beratungs- und Unterstützungsprozesses variiert von einem einmaligen Kontakt bis hin zu einer mehrjährigen Beratungsbeziehung.

Personen, die das Angebot von RespAct wahrnehmen, sind Kinder, Jugendliche, Erwachsene, die Gewalt erleben, die von rechts Organisierten oder aus einer rechten Ideologie heraus rassistisch (u.a. kolonialrassistisch, antimuslimisch oder gegen Rrom*nja und Sinte*zza), antisemitisch, LGBTIQ* feindlich, sozialdarwinistisch (d.h. gegen Wohnungslose und Beeinträchtigte), gegen Personen, die sich gesellschaftspolitisch gegen rechte Strukturen betätigen, gegen Personen, die aufgrund ihrer Profession zur Angriffsfläche werden, gerichtet ist.

Der Landespräventionsrat Niedersachsen (LPR), der durch das niedersächsische Justizministrium mit der Aufsicht über das Projekt betraut ist, hat Anfang März RespAct knapp und ohne weitere Begründung mitgeteilt, dass es ab Ende März keine weitere Fortführung des Projektes geben wird. Inzwischen ist das Projektende auf den 30. Juni verschoben. Es gibt bisher auch keine Auskunft darüber, wie nach dem 30. Juni 2020 die Beratung der Betroffenengruppen sichergestellt werden soll.

Der Beschluss zur Schließung der einzigen niedersächsischen Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt nicht einmal einen Monat nach dem rechtsterroristischen Mordanschlag in Hanau, nach Halle, im Zeichen der massiven Zunahme rechter Gewalt im ganzen Land ist ein verheerendes Signal gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit.

Die Unterzeichnenden fordern den Landespräventionsrat Niedersachsen auf,

  • den Beschluss zur Schließung von RespAct zurückzunehmen und
  • eine qualifizierte Beratung für Betroffene rechter Gewalt in Niedersachsen langfristig sicher zu stellen,
  • die professionelle Beratungsstelle RespAct personell, finanziell und strukturell angemessen auszustatten,
  • die Fördermittel für das Projekt uneingeschränkt und ausschließlich dem Projekt zur Verfügung zu stellen
  • die Unabhängigkeit der Beratung von staatlichen und politischen Einflüssen sicher zu stellen,
  • den Bereich der Betroffenenberatung durch RespAct durch mehr Personal und langfristige Förderzusagen zu stärken.

Angesichts zunehmender Gewalt ist die parteiliche und politisch unabhängige Beratung Betroffener rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt notwendiger denn je: Geben Sie der Betroffenenberatung, geben Sie RespAct eine Zukunft!


Erstzeichner*innen

Tsepo Andreas Bollwinkel, Lüneburg
Bildungsreferent
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e. V. Lüneburg

Sevda Evcil, Hannover
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim und Mitarbeiterin vom Frauenhaus Hannover – Frauen helfen Frauen e. V.

Hadija Haruna-Oelker, Frankfurt/Main
Politikwissenschaftlern, Journalistin und Autorin

Joshua Kwesi Aikins, Berlin
Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist
Universität Kassel, Citizens for Europe

Tahir Della, Berlin
Fachpromotor Postkolonialismus und Antirassismus
Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt-Landesnetzwerke in Deutschland e.V. (agl) und der Stiftung Nord-Süd-Brücken.

Raphael Dernbach, München
Wirtschaftswissenschaftler
Private Banking,

Sandra Richter, Berlin
Referentin für Wissensmanagement & Qualifizierung
ista – Institut für den Situationsansatz

Elisa Ricci, Berlin
Dramaturgin
Freie Universität Berlin, Mitglied der Antdiskriminierungs-AG des LAndesverband Darstellende Künste Berlin

Maria Aschauer, Oldenburg
Hygiagogin, Gesundheitsentwicklerin

BIPoC-Hochschulgruppe der Stiftung Universität Hildesheim

KARFI
Schwarzes Bildungskollektiv für Empowerment und rassismuskritische Bildung

Winnie Akeri, Bafta Sarbo, Siraad Wiedenroth, Hannover/Berlin/Frankfurt
Vorstand Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e. V.

Ginnie Bekoe, Hamburg
Politische Bildner*in

Daniel Gyamerah, Saraya Gomis, Susanna Steinbach, Berlin
Vorstand Each One Teach One (EOTO) e.V.

xart splitta, Berlin
Raum für intersektionales Empowerment, Dekolonialität und (postkoloniale) Erinnerung

Iris Rajanayagam, Berlin
Lehrbeauftragte Alice Salomon Hochschule Berlin

Mike Krzywik-Groß, Lüneburg
Dozent für Rassismuskritische Sozialarbeit, Leuphana
Universität Lüneburg

Dorsa Amirpur, Hamburg
Community Organizer, QT*IBIPOC Hamburg 

Melanie Micudaj, Hannover
Organisation Clinch Festival,
Programmplanung Kulturzentrum Pavillon

Timo Reuter, Hannover
Kita Leitung, Kita An der Masch, Stadt Laatzen

Axel Hochrein, Gerbrunn
Vorstand der Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Klaus Jetz, Köln
Geschäftsführer der Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Sarah Kohrt, Berlin
Projektleiterin LGBTIQ-Plattform Menschenrechte der Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Antirassismus Referat des AStA der TU Braunschweig

Vorstand des AStA der TU Braunschweig

Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.

Nello Fragner, Berlin
freiberufliche Erwachsenenbildung, mmag., tätig ua. für die
Fachstelle Queere Bildung, Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung und AWO

Bundesverband ausländischer Studierender (BAS) e.V.

Muslimisches Jugendwerk e. V., Köln

Tuğba Tanyilmaz, Berlin
Geschäftsführung, Initiative Intersektionale Pädagogik, Migrationsrat Berlin

Sven Woytek, Berlin
Projektkoordinator, Initiative Intersektionale Pädagogik

Nurêy Özer, Berlin
Bildungsreferentin, Initiative Intersektionale Pädagogik

Lou Herbst, Berlin
Projektkoordination und Bildungsreferent*in, Initiative Intersektionale Pädagogik

Kadir Özdemir, Hannover
Projektleiter Queeres Leben in der Migrationsgesellschaft

Terne Rroma Südniedersachsen e.V.

Roma-Jugend Initiative Northeim

Y.W.B., die interkulturelle politische Rap-Crew

Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) Hannover